Medizinisches Angebot

 Nervenkompressionssyndrome

Durch dauerhaften Druck an bestimmten anatomischen Engstellen, die vorbestehen können oder durch Operationen oder durch Unfälle verursacht sein können, werden die Nerven geschädigt. Eventuell werden dann falsche Informationen weitergeleitet, beispielsweise Schmerz, auch wenn kein Schmerzreiz da ist, oder ein Kribbeln oder es werden keine Informationen mehr weitergeleitet, das heißt, man spürt nichts mehr oder es treten Lähmungen auf. Liegt ein solcher Druckschaden vor, so finden wir heraus, an welcher Stelle das Problem vorliegt und können den Nerven aus seiner Engstelle befreien. Dies trifft bei den häufigsten Nervenoperationen am Handgelenk (Karpaltunnel und Loge de Gyon) oder dem Ellenbogen (Kubitaltunnel oder früher Sulcus ulnaris) zu, die meist durch ein Kribbeln in den Fingern auffallen. Hier kann in einer kurzen Operation das Bindegewebe, das den Nerven einengt, durchtrennt werden, und es tritt rasch Besserung ein (Karpaltunnel-, Kubitaltunnel-Syndrom). Nach der Operation wird keine Schiene angelegt und Sie dürfen sofort bewegen. Nach 14 Tagen werden die Fäden gezogen und die Hand ist rasch wieder voll einsatzfähig.

Des Weiteren sind wir auf die Behandlung seltener Nerveneinengungssyndrome spezialisiert. Dazu gehören unter anderem das Pronatorsyndrom, das Kiloh-Nevin Syndrom, das Supinatorlogensyndrom und das Wartenberg-Syndrom.

Kompressionssyndrome bei Diabetikern

Diabetiker leiden oft unter einer diabetischen Polyneurapathie (PNP), bei der Nerveneinengungen nicht nur an den typischen Stellen am Arm, sondern auch am Bein auftreten können. Bei ausgewählten Kandidaten kann eine chirurgische Befreiung eingeengter Nerven zum Beispiel im Sinne einer Triple-Dekompression am Unterschenkel und am Fuß eine deutliche Schmerzlinderung und Verbesserung des Gefühls erreichen. Außerdem treten dann seltener Geschwüre an den Füßen auf.

 Versorgung peripherer Nervenverletzungen und Armplexuschirurgie

Durch die Fortschritte in der Mikrochirurgie kann ein durch einen Unfall durchtrennter Nerv wieder genäht werden. Es ist sogar möglich, Nerven von einer anderen Körperstelle, wo sie verzichtbar sind (besipielsweise am Unterschenkel), zu entnehmen und zu verpflanzen, um wichtige Funktionen für die Hand oder den Fuß wiederherzustellen. Dies geschieht dann, wenn Nerven so verletzt sind, dass sie nicht mehr zusammengenäht werden können. Bei kurzen Defekten von Nerven, insbesondere der Hand, verwenden wir alternativ zu eigenen Spendernerven eigene Venen gefüllt mit Muskelgewebe (sog. Venen-Muskel-Interponate). Diese Methode liefert sehr gute Ergebnisse, ohne dass ein anderer Nerv geopfert werden muss. Mittlerweile gibt es auch im Labor hergestelltes Nervenersatzgewebe, das aber nur eingesetzt werden kann, wenn sehr kurze Strecken überbrückt werden müssen.

Einen besonderen Schwerpunkt stellt die Behandlung von Schädigungen des Armnervengeflechtes (Plexus brachialis) dar. Das Nervengeflecht kann durch offene oder geschlossene Verletzungen wie Motorradunfälle oder Schulterluxationen verletzt werden. Nach genauerer Diagnostik gibt es die Möglichkeit, das Geflecht mit oder ohne Nervenverpflanzungen im Rahmen einer komplexen Operation wiederherzustellen. Sind die Nervenwurzeln des Geflechts direkt aus dem Rückenmark ausgerissen, werden Nerven, die nicht zum Geflecht gehören, zur Reaktivierung der wichtigen Anteile verlagert. Die Wiedererlangung verlorener Funktionen dauert allerdings viele Monate. In diesem Zeitraum werden unsere Patienten regelmäßig ärztlich betreut, wobei eine intensive und gezielte Physio- und Egotherapie dabei unabdingbar ist.

 Motorische Ersatzplastiken

Bei länger zurückliegenden Nervenschädigungen ist es oft nicht mehr sinnvoll, die geschädigten Nerven zu reparieren, weil die von ihnen angesteuerten Muskeln ihre Funktion aufgegeben haben. Dann können funktionierende Muskeln und Sehnen umgelagert werden (sog. motorische Ersatzplastik). Dies gilt auch für komplexe Verletzungen mit Lähmungen, bei denen oft zusätzlich zu einer körpernahen Nervenwiederherstellung eine körperferne Sehnenumlagerung sinnvoll ist. Dadurch kann in einfachen Operationen häufig ein großer Gewinn an Lebensqualität erreicht werden. So kann ein Fallfuß wieder angehoben werden, ein Knie wieder gestreckt oder eine hängende Hand wieder bewegt werden.

Bei aufgehobener Schulterhebung, zum Beispiel nach einer Schädigung des Armnervengeflechts, können verschiedene Muskeln von dem Rücken und von der Brust so umgelagert werden, dass die Armhebung in verschiedenen Richtungen ermöglicht wird. Bei aufgehobener Ellenbogenbeugung kann ebenfalls ein Rückenmuskel oder ein Brustmuskel auf die Sehne des ausgefallenen Bizepsmuskels umgelagert werden. Liegen im Bereich des Oberarms Weichteilverluste vor, so dass eine Muskelumlagerung keinen Erfolg haben kann, kann die Ellenbogenbeugung durch die Transplantation eines Muskels von der Oberschenkelinnenseite, der sowohl an Gefäßen als auch an einem Nerv angeschlossen wird, erfolgen. Nicht selten liegt bei Patienten nach Brüchen oder anderen Verletzungen eine Fallhand mit Aufhebung der Fingerstreckung und eventuell auch der Handgelenkstreckung vor. In diesen Fällen kann mit einer Radialisersatzplastik durch Umlagerung von noch funktionierenden Muskeln aus dem beugeseitigen Unterarm die verlorene Funktion wiederhergestellt werden.

Am Bein kann die Aufhebung der Kniestreckung nach Ausfall der entsprechenden Muskulatur eine wesentliche Einschränkung für den Patienten darstellen. Das Knie kann nicht mehr gestreckt werden und Treppensteigen ist kaum noch möglich. Mit einer sogenannte Gochtplastik können Sehnen von der Oberschenkelinnenseite auf die Kniescheibensehne verlagert werden, die dann die Kniestreckung wieder ermöglichen.

Liegt eine sogenannte Peroneusläsion vor, dann ist die Fußhebung aufgehoben. Es kommt oft zu Stolperstürzen, Gehen auf unebenem Grund und Treppensteigen ist schwierig. Durch eine Steigbügelplastik mit Umlagerung der Sehne des Muskels Tibialis posterior von der Unterschenkelrückseite, die ursprünglich der Fußinnendrehung dient, auf bestimmte Sehnen des Fußrückens und der Fußaußenseite kann wieder Gehen ohne Hilfsmittel (Peroneusschiene) erreicht werden.

 Verbesserung der Funktion der tetraplegischen Hand

Die Wiederherstellung der Handfunktion führt bei Patienten mit einer Schädigung des Halsrückenmarks zu einer deutlichen Besserung der Lebensqualität. In ca. 75% der Fälle kann die Gebrauchsfähigkeit der oberen Extremität chirurgisch verbessert werden, um so Eigenständigkeit, Mobilität und bessere Unabhängigkeit von fremder Hilfe zu erreichen. Die Wiederherstellung der Ellenbogenstreckung ermöglicht dem Patienten, die Hand gezielt im Raum zu bewegen und somit viele Alltagsnotwendigkeiten inklusive Rollstuhlfahren selber zu erledigen. Je nach Höhe der Rückenmarksschädigung kann außerdem der Kneifgriff zwischen Daumen und Zeigefinger und gar die Greiffunktion durch Wiederherstellung der Fingerbeugung wiedererlangt werden. Oft sind mehrere operative Schritte, beginnend frühestens ein Jahr nach der Verletzung, notwendig. Für jede Patientin und jeden Patienten wird ein individuelles Wiederherstellungskonzept erarbeitet und langfristig jede Patientin und jeder Patient interdisziplinär, gemeinsam mit unseren Kollegen der Abteilung für Querschnittgelähmte, Technische Orthopädie und Wirbelsäulenchirurgie, betreut.

 Tumoren des peripheren Nervensystems

Tumoren des peripheren Nervensystems sind in der Regel gutartige Nervenscheidentumoren wie Schwannome oder Neurofibrome, die oft im Rahmen einer Neurofibromatose auftreten und meistens mikrochirurgisch entfernt werden können. Bösartige, periphere Nervenscheidentumoren sind insgesamt sehr selten und müssen mit Sicherheitsabstand chirurgisch entfernt werden. Die Behandlung von Patienten mit bösartigen Nerventumoren erfolgt interdisziplinär in Kooperation mit Kollegen der Onkologie, Radiologie und Strahlentherapie des Universitätsklinikums Tübingen. Durch den Tumor oder seine Entfernung entstandene verlorene Funktionen können mittels einer Nerventransplantation oder motorischen Ersatzplastiken nach Abschluss der Behandlung wiederhergestellt werden.

  Direktor

Univ.-Prof. Dr. Adrien Daigeler

BG Klinik Tübingen
Klinik für Hand-, Plastische, Rekonstruktive und Verbrennungschirurgie
Schnarrenbergstr. 95
72076 Tübingen

Sekretariat :
Claudia Hölle

  07071 606-1036   07071 606-1037 choelle@bgu-tuebingen.de