Medizinisches Angebot

 Nervenverletzungen

Periphere Nerven können durch diverse Gewalteinwirkungen unterschiedlich verletzt werden. Stumpfe Verletzungen können zu einer Dehnung oder zu einer Quetschung des Nervens führen, welche sich oft spontan erholen kann. Scharfe Verletzungen können hingegen zu einer kompletten oder Teildurchtrennung des Nervens führen, die operativ versorgt werden muss.

Das Hauptmerkmal der peripheren Nerven liegt in ihrer außergewöhnlichen Funktion der spontanen Regeneration, wenn ihre Kontinuität nicht unterbrochen ist oder mikrochirurgisch wiederhergestellt wird. Periphere Nerven können auf drei Arten beeinträchtigt sein. Eine Neurapraxie entspricht einem Nervenausfall ohne anatomische Änderungen seiner Struktur und kann z.B. bei einer Dehnung oder Quetschung des Nervs entstehen. In diesem Fall kommt es zu einer spontanen Regeneration innerhalb von wenigen Wochen. Eine Axonotmesis entspricht einer Kontinuitätsunterbrechung der inneren Leitstrukturen eines peripheren Nervs, der so genannten Axone, wobei die äußere Nervenhülle intakt ist. In diesem Fall kann es ebenfalls spontan zu einer kompletten Regeneration kommen, wobei oft eine chirurgische Intervention bei unzureichenden Regenerationszeichen zur Lösung einer möglichen „inneren Vernarbung“ des Nervs notwendig ist. In diesem Fall kann eine komplette oder Teilrekonstruktion (Split-Repair) des Nervens notwendig sein. Eine Neurotmesis entspricht einer kompletten Durchtrennung des Nervs und muss operativ versorgt werden. Operationen an peripheren Nerven erfolgen grundsätzlich mittels Vergrößerung durch eine Lupenbrille oder mit Hilfe eines Operationsmikroskops. Ein verletzter Nerv wird direkt mikrochirurgisch mit haardünnen Fäden genäht, wenn die Naht spannungsfrei erfolgen kann. Ist dies nicht möglich, muss der Nerv durch Nerventransplantate, z.B. aus den Unterschenkeln, überbrückt werden. Die Geschwindigkeit der Regeneration beträgt nach einer Axonotmesis oder einer Neurotmesis mit erfolgreicher Wiederherstellung der Nervenkontinuität etwa 1 mm/Tag.

Eine neuere Möglichkeit zur Überbrückung von kürzeren Nervendefekten (< 4 cm), insbesondere an der Hand, sind die so genannten Venen-Muskel-Interponate. Hierbei wird ein eigenes Gefäß (Vene) durch eigenes Muskelgewebe gefüllt und als Transplantat in gleicher Weise wie die Nerventransplantate benutzt. Der Vorteil dieser Methode liegt darin, dass es zu keiner Gefühlsminderung an der Entnahmestelle kommt.

 Verletzungen des Armgeflechtes (Plexus brachialis)

Eine besondere Kategorie der peripheren Nervenverletzungen stellen Verletzungen des Armgeflechtes oder Plexus brachialis dar. Sie entstehen meistens durch eine Kombinationsverletzung aus maximalem Zug des Arms mit gleichzeitiger, entgegengesetzter Drehung des Kopfes. Sie können zum Beispiel bei Säuglingen während einer komplizierten Geburt entstehen. Im Erwachsenenalter treten sie zu ca. 90% bei Motorradunfällen auf. Andere Ursachen sind Brüche oder Luxationen im Bereich des Schlüsselbeins oder des körpernahen Oberarms. Die Therapiemöglichkeiten dieser Verletzungen beinhalten je nach Schwere der Verletzung ein abwartendes Verhalten, eine Narbenlösung (sog. Neurolyse) bis zu einer aufwändigen Rekonstruktion des Armgeflechtes durch Nerventransplantationen und/oder Verbindung der Armnerven mit gesunden, nicht betroffenen Nerven (sog. Neurotisation). Eine genaue klinische und apparative Untersuchung der Patienten erfolgt regelmäßig in einem erfahrenen Zentrum.

 Lähmung des Gesichtsnervs (Nervus facialis)

Die Ursache von Lähmungen des Gesichtsnervs oder N. facialis ist meistens unbekannt (idiopathisch), wobei sie oft nach Verletzungen oder Operationen im Gesichtsbereich entstehen. Bei einer frischen Verletzung des Nervs kann eine Rekonstruktion durch Naht oder Nerventransplantation erfolgen. Sollte die Lähmung idiopathisch oder länger bestehen, kann eine zweizeitige Operation erforderlich sein. Hierbei wird im ersten Schritt eine Nerventransplantation aus der gesunden zur ungesunden Seite durchgeführt. In einem zweiten Schritt wird ein Muskel aus dem Oberschenkel entnommen und mikrochirurgisch an Gefäßen und den transplantierten Nerven zur Wiedererlangung des Lidschlusses und des Lachens angeschlossen.

 Nervenkompressionssyndrome

Typische Erkrankungen des peripheren Nervensystems sind die so genannten Kompressionssyndrome oder Engpasssyndrome. Dazu zählen typischerweise das Karpaltunnelsyndrom, welches einer Einengung des mittleren Nervs (N. medianus) in Höhe des Handgelenkes entspricht, sowie das Kubitaltunnelsyndrom oder das Syndrom der Loge de Gyon, welche Einengungen des Ellennervs (N. ulnaris) jeweils in Höhe des Ellenbogens oder des Handgelenkes darstellen. Im Bereich der unteren Extremität gibt es das Tarsaltunnelsyndrom, ein Engpasssyndrom des Schienbeinnervs (N. tibialis) in Höhe der Fußsohle. Die operative Versorgung von Nervenkompressionssyndromen erfolgt durch Spaltung des entsprechenden Engpasses und die dadurch entstehende Druckentlastung des betroffenen Nervs. Kompressionssyndrome kommen häufig bei Diabetikern vor und ihre operative Versorgung führt nicht nur zu einer Besserung des sensomotorischen Ausfalls, sondern auch zu einer Schmerzreduktion.

 Prognose

Die wiedererlangte Funktion ist umso besser je kürzer die Nervenschädigung besteht. Wurde eine Nervenverletzung nicht am Unfalltag versorgt, sollte eine Revision erfolgen, sobald die Wundverhältnisse stabil sind. Wurde zunächst ein abwartendes Verhalten bei unklarer Ausprägung der Schädigung empfohlen, sollte eine Nervenrevision bei ausbleibender Regeneration nicht später als 6 Monate nach der Verletzung erfolgen.

Die Phase der Nervenregeneration wird durch eine gezielte Krankengymnastik und sensomotorisch perzeptive Therapie in einem erfahrenen Zentrum unterstützt.

  Direktor

Univ.-Prof. Dr. Adrien Daigeler

BG Klinik Tübingen

Klinik für Hand-, Plastische, Rekonstruktive und Verbrennungschirurgie

Schnarrenbergstr. 95

72076 Tübingen

Sekretariat:
Claudia Hölle

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