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Mitdenkende Hand

Moderne Operationsmethoden und neue Prothesen mit Elektromotoren und Sensoren eröffnen Prothesenträgern viel mehr Bewegungsmöglichkeiten als früher.

„Meine neue Hand kann viel mehr als die alte“, freut sich Tim Söldner und schraubt die High-Tech-Prothese an seinen linken Unterarm. Mit leisem Surren bewegen sich die schwarzen Finger, die von kleinen Elektromotoren und zahlreichen Sensoren gesteuert werden. „Jetzt kalibriert sie sich“, erklärt der 28-jährige, der vor fünf Jahren bei einem S-Bahn-Unfall seinen linken Arm verlor. Nach einer ganzen Reihe von Operationen in der BG Klinik Tübingen, die auf solche Fälle spezialisiert ist, trägt er eine mehrteilige Prothese. Wie gut er damit umgehen kann, beweist er eindrucksvoll beim Apfelschälen, beim Aufschlagen von Eiern oder beim Brötchenstreichen. „Ich kann jetzt viel feinere Bewegungen ausführen, weil die Hand mitdenkt“, erzählt Tim Söldner. Über Muskelimpulse in der Schulter und im Arm löst er eine Handbewegung aus, und die empfindliche Sensorik „spürt“, wie fest er mit den künstlichen Fingern zugreift, so dass sich die Finger teilweise auch selbst steuern, zum Beispiel wenn sie ein Glas umfassen.

Dass Tim Söldner wieder so gut Dinge greifen kann und auch Reißverschlüsse öffnen oder Schnürsenkel binden kann, verdankt er nicht nur der hochentwickelten Prothesentechnik und der professionellen Arbeit von Prothesenbauern, sondern auch den speziellen Operationsmethoden der Chirurgen in der BG Klinik Tübingen. „Früher wäre in so einem Fall nicht mehr viel zu machen gewesen“, erläutert Prof. Dr. Adrien Daigeler, Leiter der Hand-, Plastischen und Rekonstruktiven Chirurgie in der BG Klinik Tübingen, „doch heute können wir durch das Verlegen von Muskeln und deren Verknüpfung mit Nerven die Basis schaffen, damit ein Patient mit kleinen Muskelbewegungen ein Signal abgeben kann, das durch Elektroden aufgenommen und an die Prothese weitergeleitet wird. Unser Spezialgebiet ist die Wiederherstellung von verlorengegangener Funktion an Armen und Beinen. Dazu verwenden wir eigenes Gewebe oder Prothesen, oder wie in diesem Falle, eine Kombination aus beidem.“

Bei einer so genannten multiartikulären Handprothese kann der Träger im günstigsten Fall jeden Finger einzeln ansteuern. Bei Tim Söldner ist das so noch nicht möglich, weil er nicht genug geeignete Muskeln hat. Bei dem Unfall wurde der Arm direkt unter der Schulter abgetrennt. „Da war nicht mehr viel“, erzählt er, während er mit dem neuen Handmodell übt, „die Chirurgen konnten aber einen Muskel vom Rücken umverlegen, der seine eigene Blutversorgung und einen eigenen Nerven hatte und damit den verbliebenen, freiliegenden Oberarmknochen bedecken, so dass ich einen ausreichend langen Stumpf bekam, um einen Prothesenschaft aufzusetzen.“

Die Behandlung und Gestaltung der Amputationswunde ist die entscheidende Voraussetzung für die Nutzung einer modernen Prothese. „Wir erleben gerade einen Entwicklungsschub in der Prothetik und auch in den chirurgischen Möglichkeiten“, erklärt Dr. Daigeler, „davon profitieren sehr viele Menschen.“ Und so kann auch Tim Söldner erstaunlich viel mit seiner „mitdenkenden“ Hand anstellen. In Zukunft ist geplant, dass er lernt, mit dem verpflanzten Muskel Signale für eine noch weiterentwickeltere Prothese zu steuern. Damit würde seine „neue Hand“ noch beweglicher.

  Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Petra Speicher

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